Performance


«Billi my home»

Performance 6. März 2014 im Billi-Kulturbus

Mein Wohnzimmer ist jetzt im Billi Bus, es ist 5.00h.
Der Morgen ist noch dunkel. Der Mensch in Biel tut so, als wäre er sehr früh wach. Die Leute im Bus sind still. Der Tag und die Augen und die Türen öffnen sich. Manchmal sieht man mich. Der Buschauffeur ist sehr lieb und wir reden über belgisches Bier.

Zwei Kinder mit einer Mutter finden meine „Lismete“ und mich so bunt wie den Frühling und geben mir dafür 4 Franken.

Die alte Frau ist hingefallen, sie wollte nur „kömerelen“ gehen. Drum soll ich doch bitte lang drücken, damit sie genug Zeit zum aussteigen hat. „Zum Glück sitzen Sie heute da!“ sagt sie fröhlich.

„Schön, dass Sie stricken“ sagt eine lustige Frau. „Das sieht man heute nicht mehr bei den jungen Menschen. Und dann auch noch im Bus. Was ist das für eine Technik?“

Der Mann sagt: „ Das ist so gemütlich. Darf ich mich zu Ihnen setzten? Sagen Sie mal, wird Ihnen da nicht schlecht?“

Ein Mann teilt mir sein Leben mit: „Also die Versicherungen, die sind auch nicht mehr so wie früher. Jetzt ist mein Bein schon so lange kaputt und die wollen immer noch nicht zahlen...wissen Sie, das ist alles nicht so einfach...“

Um zehn Uhr ist der junge Mann schon betrunken.

Es kommt eine Frau: „Ich nehm dann den gleichen Bus wieder, dann will ich sehen wie weit Sie sind. Und vielleicht nehm ich meine „Lismete“ auch mit.“

Mensch ohne Gesicht: „Ich würd mich nerven, wenn jemand neben mir so ne „Performance“ machen würde...“

Es gibt viele Menschen. Es gibt viele Worte, es gibt ganz viele Blicke.
Der Himmel ist blau.
Die Leute am Mittag sind hungrig - gereizt – gesättigt - entspannt.
Die Menschen am Nachmittag sind lieb und gegen Abend lustig.
Der Nachmittag vergeht schnell wie der Morgen.

Sie rümpft die Nase: „ Sie können machen das im Ausland. Nicht Schweiz. Nix für Schweiz, nix Biel, nix Bus.... Von wo Sie kommen?
...Aha, dann ist das also so SP-Zeugs. Das können Sie im Ausland machen, aber in der Schweiz haben wir andere Probleme. Wenn das der Chef wüsste. Ich werde dafür sorgen dass der das weiss und Sie nie mehr hier stricken dürfen.“

Zwei unmotivierte: „ Ich glaube die spinnt. Aber sie sieht nicht so aus als würde sie spinnen. Vielleicht ist das so ne Art Performance. Eigentlich noch geil, so lismen...Chasch du das?“

Es wird schon dunkel und die Frau kommt ohne ihre „Lismete“ zurück. Wir reden und lachen.

Die Verkehrsbetriebe sind pünktlich, die Buschauffeure manchmal sehr lieb und freundlich und lustig. Es gibt viele Wechsel, aber heute gibt es keine Frau.

Curry. Der Mann mit belgischem Akzent fährt zwei Runden mit mir und meinem Curry mit. Er ist sehr lieb, merci beaucoup.

„Inestäche umeschlah, dürezieh und abelah... weisch no?“

„Gehört das auch zur Fasnacht?“ sagt der Mann mit dem Bier in der Hand.

Der mit den lieben Augen: „Was, Sie sind immer noch da? Ich dachte Sie machen einen Witz! Soll ich Ihnen was zu Essen bringen? Respekt!“

„Lernen Sie mir stricken? Ich finde das cool“

„Wann darf ich Sie wieder sehen?“

Um 23.10h wackeln meine Knie etwas seekrank. Der Tag war bunt.  Und ich bin jetzt endlich auch Billi.

Idee, Konzept und Umsetzung: Isabelle Freymond

Billi my home

Sich im Bus Billi einquartieren. Leben im Bus.
Ohne jeglichen Aufwand, ohne auf zu fallen. Einfach sein. Sitzen, stehen, schlafen, reden, schweigen, den Menschen in die Augen schauen, sie beobachten und wahrnehmen, nichts tun, alltägliche Sachen tun.
Eine Woche lang, jeden Tag, von der ersten Busfahrt, bis zur letzten.
Einsteigen im Depot, aussteigen im Depot.
Selbst zum stetigen Reisenden werden.
Sich der Reise und dem stets auf Achse sein hingeben.
Als Mensch wahrgenommen werden, sich in der Masse der Pendler auflösen und selbst zum Bus werden.
Billi wird zu my home.

Wie intim kann ich in einem öffentlichen Raum/Bus sein? Darf ich mir die Zähne putzen oder Nägel knipsen?
Wie esse und trinke ich in einem Bus, es ist doch verboten?
Wann kann ich aufs Klo?
Kann ich stricken und lesen, ohne dass mir übel wird?
Welchen Menschen begegne ich oft?
Was passiert mit mir?
Was mit den Pendelnden?
Was mit Billi?
Ist das Kunst?

Kommt vorbei, nehmt den Bus, setzt euch nieder. Besucht mich, oder schaut nur.

 

Billi my home
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